Tapete Records veröffentlicht die 3 Alben von Hans-A-Plast – „Hans-a-Plast“, „2“, „Ausradiert“ wieder auf CD/LP/DSPs. Die Reissues erscheinen am 04.08.23.
Es ist 2014: Ein schriller Schrei schießt aus den Lautsprechern meines Laptops. »Astrein!«, ruft die junge Punkerin kess ins Mikrofon, »also hier, fang mal an mit der Disko hier«. Sie trägt ihre Hosenträger verkehrtherum, außerdem eine Lederhose und singt von geilen Typen, die das auch tun. Der Sound der Band ist barsch und klar und eingängig, sie spielen schnell. Was ist das, wo kommt das her? Hans-A-Plast ist das, kommt aus Hannover. Internet sei Dank, kann ich sofort alles hören. Ich bin schockverliebt.
Es ist 1978: In 15 Jahren werde ich geboren; vor 56 Jahren kam das erste selbstklebende Pflaster mit Wundauflage auf den deutschen Markt.
Vier junge Menschen, zwei Männer und zwei Frauen – sie heißen Bettina, Jens, Micha und Renate – gründen eine Musikgruppe und die soll heißen wie dieses Pflaster. Wenig später schon werden Fans der Band sich als Erkennungsmerkmal Pflaster auf ihre Lederjacken kleben, gerade aber fehlt noch eine Sängerin, bis dato übernahm Schlagzeugerin Bettina zusätzlich zum Trommeln den Gesang. Die Sängerin in spe heißt Annette und singt im Mädchenchor. Annette war vor zwei Jahren zum Schüleraustausch in den Vereinigten Staaten, wo sie lernte, Langeweile mit Whiskey, LSD und Patti Smith zu betäuben. Nach ihrer Rückkehr aus den USA trampt sie prompt nach Amsterdam, boxt sich mit Gelegenheitsjobs durch und landet letztendlich in London, wo gerade der Punk abgeht. Im hiesigen Vortex Club sieht sie Elvis Costello, Ian Dury und UB40. Vor allem aber sieht Annette die Slits und Poly Styrene mit ihren X-Ray Spex, weiß spätestens da, dass es das ist, was sie auch machen will, machen muss. In London lernt sie außerdem eine Lehrerin aus Braunschweig kennen, die Annette anrät, dort ihr Abitur nachzuholen. Zurück in Deutschland hat es Angst vor dem Atomkrieg und eine neue Generation der RAF. Das Abitur macht Annette an der IGS Braunschweig zwar nie, aber ihre erste Band gründet sie ebenda: Slime (nein, nicht die) covern die Sex Pistols und spielen auch eigene Stücke, zum Beispiel »Man of Stone«, das Annette bald mit zu Hans-A-Plast nimmt. Die wiederum trifft sie im November 1978 auf dem ersten No Fun Festival, wo Hans-A-Plast und Slime gemeinsam auftreten. Bettina gedenkt, sich künftig auf ihr Schlagzeugspiel zu fokussieren und fragt deswegen, ob nicht Annette den Gesang bei Hans-A-Plast übernehmen möchte – und sie möchte. Im Probebunker bekommt Annette kurz darauf drei von Bettinas Texten in die Hand gedrückt: »Lederhosentyp«, »Rock ’n’ Roll Freitag« und »Hau ab du stinkst«. Es funkt, aus drei Stücken werden schnell dreizehn. Nach einigen Festivalauftritten, wie auf dem »Into The Future«, das im Jänner 1979 in der Hamburger Markthalle stattfindet, nimmt die Band im September selbigen Jahres innerhalb von nur vier Tagen bei der Toncooperative in Hannover mithilfe von Rainer, der noch nie Punk gehört hat, ihr erstes Album auf. Wie ihr Idol Poly Styrene greift auch Annette auf dem selbstbetitelten Debüt zum Alt-Saxophon und im Ton genial daneben: Mit Charisma und Chuzpe werden in Stücken wie »Für ’ne Frau« selbstverständlich Erwartungen an weibliche Bravheit missachtet. Annette, Bettina und Renate prangen bald auf dem Cover des Musikmagazins Sounds, das da titelt: »Frauen machen Musik« – Schockschwerenot!
Ein Label muss her, auch da hilft die Toncooperative aus: »Hans-A-Plast« erscheint zuerst auf dem hauseigenen Lava- Label. Eintausend Einheiten wären kostendeckend gewesen, noch vor Jahresende verkauft sich das Album zehn mal so oft. Trotz Interesse seitens der Industrie gründet die Gruppe lieber in Eigenregie eine Plattenfirma, nennt sie No Fun, verpackt und versendet den Großteil der Alben selbst: »Klebe Tütchen, klebe Tütchen…«. Ein zweites No Fun Festival wird veranstaltet, rund 2.000 Menschen besuchen es. Nur die Kondensators, Blitzkrieg und die Fucks sagen ab, Hans-A- Plast ist ihnen zu erfolgreich. Zum Traurigsein bleibt keine Zeit, alles geht im Eiltempo, der Rockpalast klopft an, zeichnet 1980 ein legendäres Konzert der Band für das Fernsehen auf. Ich werde es in 34 Jahren zu hören bekommen und es wird mein Leben verändern.
– Max »Drangsal« Gruber